Christliche Lebensweisheiten für den Alltag Manchmal wache ich früh auf, bevor es richtig hell wird. Draußen ist es still, nur das leise Summen der Heizung und irgendwo das Grollen einer Straßenbahn. Ich schiebe den Vorhang beiseite, sehe den grauen Himmel und denke: wieder derselbe Tag. Dieselben Aufgaben, dieselben Gesichter, die gleichen Routinen. Und trotzdem - wenn man länger hinschaut, liegt über allem etwas, das man kaum beschreiben kann. Vielleicht ist genau das die „Gnade“, von der die Alten sprachen. Kein großes Licht, kein Wunder, sondern einfach dieses Gefühl, dass die Zeit noch auf meiner Seite ist. Mir fällt dann ein Satz aus der Bibel ein: „ Jeder Tag hat seine eigene Last.“ Nüchtern gesagt, aber da steckt Wahrheit drin. Es ist schon schwer genug, den heutigen Tag zu tragen, ohne gleich an den von morgen zu denken. Diese alte Lebensweisheit mahnt: Lass den Tag ausreichen. Du musst nicht heute klären, was vielleicht erst morgen zu verstehen ist. Ich erinnere mich manchmal daran, wenn ich überfordert bin und mich selbst zum Funktionieren antreibe. Das Denken, dass nicht alles auf einmal gelöst werden muss, tut leise gut. Auf meinem Küchentisch steht seit Jahren eine kleine Holzfigur des Heiligen Franz von Assisi. Das Holz ist abgerieben, eine Hand ist leicht angeschlagen. Ich hab sie auf einem Flohmarkt gekauft, eine einfache Figur. Trotzdem mag ich das Gesicht dieser Figur: offen und friedlich. Franz soll gesagt haben: „ Der Mensch wird frei, wenn er sich in der Liebe verliert.“ Und zwar nicht in Liebesdrama oder Emotion, sondern in dieser alltäglichen, unauffälligen Liebe - Rücksicht, Zuhören, Hingabe. Ich habe das öfters erlebt: Wenn man einfach für jemand anderen da ist, ohne groß zu analysieren, verliert man für einen Moment das enge Denken um sich selbst. Teresa von Avila sagte, Gott wohne nicht im Kopf, sondern in der Liebe, die wir schenken. Ich mag diesen Gedanken. Er nimmt dem Glauben etwas Starres. Es muss nicht alles verstanden werden, manchmal genügt es, sich ehrlich zu öffnen. Wenn man so lebt, beginnt der Alltag still zu leuchten - in einem freundlichen Wort, im Trost, den man jemandem unauffällig gibt, sogar im geduldigen Warten, wenn man eigentlich keine Geduld mehr hat. Vor einiger Zeit, an einem grauen Herbsttag, lief ich eine leere Straße entlang und mir kam ein Vers aus dem Lukasevangelium in den Sinn: „ Wer im Kleinen treu ist, dem wird Großes anvertraut.“ Es raschelten die Blätter, und ich dachte, dass genau das der Kern ist. Treue im Kleinen bedeutet ja, dass man sich nicht größer macht, als man ist. Man tut, was gerade getan werden kann - ein Kind beruhigen, ein Gespräch führen, auch dann weitermachen, wenn es unscheinbar scheint. Vielleicht entsteht Erfüllung nicht durch große Pläne, sondern durch diese kleinen, stillen Gesten, die niemand beklatscht. Meister Eckhart sagte, „ Gott ist uns überall nahe, aber wir sind fern.“ Das begleitet mich, wenn mich der Alltag auffrisst: Langes Unterwegssein, Alltagsaufgaben, Gedankenstau. Ich merke dann, dass nicht Gott weg ist, sondern ich selbst. Es ist wie mit der Luft: Sie ist da, aber ich atme sie nicht richtig. Manchmal genügt ein kurzes Anhalten, ein bewusstes Atmen, um diese Nähe wieder zu spüren. Ich erinnere mich an eine Kirche, spät am Abend. Nur ein paar Kerzen brannten, es roch nach Wachs und kaltem Stein. Da kam mir der Gedanke von J. J. van der Leeuw: Das Geheimnis des Lebens ist kein Problem, das es zu lösen, sondern eine Wirklichkeit, die es zu erfahren gilt. Das hat mich getroffen, weil ich immerwährend versuche, Dinge zu ordnen, abzuschließen. Aber das Leben entzieht sich dieser Logik. Es lässt sich nur mitgehen, nicht beherrschen. Man muss hineinleben in die Unvollständigkeit. Benedikt von Nursia empfahl, man solle jeden Tag anfangen, als beginne er gerade zum ersten Mal. Dieser Satz hat mich in einer schwierigen Zeit begleitet. Ich fühlte mich festgefahren, müde, leer. Und doch fiel morgens das Licht durchs Fenster auf denselben Tisch, denselben Stuhl, denselben Becher Tee. Da war ein winziger Moment, in dem ich dachte: Es fängt wirklich neu an. Kein großer Durchbruch. Nur ein dünner Streifen Hoffnung. Ein anderer Satz, der mich lange begleitet hat, steht im Psalm 23: „ Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Ich konnte damit früher nichts anfangen - zu fromm, zu glatt. Aber im Lauf der Zeit habe ich verstanden, dass es gar nicht bedeutet, dass einem nichts fehlt. Es heißt vielleicht eher: das, was man hat, reicht. Oder: das, was fehlt, bestimmt nicht alles. Es verändert den Blick auf das, was da ist. Julian von Norwich hatte diese seltsame Zuversicht inmitten von Dunkelheit: „ Am Ende wird alles gut sein, und jede Art von Ding wird gut sein.“ Ich mag, wie still dieser Satz klingt. Kein Triumph, kein Pathos - eher wie jemand, der durch viel Leid gegangen ist und dann sagt: Ich glaub trotzdem daran. Ich habe das einmal bei einer Beerdigung gespürt. Da standen Menschen stumm und traurig, und dennoch lag in der Luft diese Ahnung, dass Liebe bleibt. Nicht so, wie vorher, aber irgendwie da. Nikolaus von der Flüe sagte, man solle sich in der Stille niederlassen und den Frieden Gottes wirken lassen. Erst dachte ich, das klingt nach Rückzug. Aber vielleicht meint er, dass Frieden nicht entsteht, wenn man alle Probleme auf einmal löst, sondern wenn man ruhig bleibt mitten im Lärm. Diese Art Frieden hat nichts mit Stillhalten zu tun. Es ist eher, als würde man den Dingen Raum geben, sich zu ordnen, ohne dauernd dazwischenzufassen. Einmal las ich den Satz: „ Die Seele ist eine Symphonie.“ Ich mag, wie das Leben als Musik beschrieben wird. Es macht die Vorstellung leichter, dass alles, auch Pausen und Dissonanzen, dazugehören. Manchmal sind Tage wirklich nur Pausen - man spielt nicht, man hört. Und dann, irgendwann, schwingt man wieder mit. Ich mag den Satz, den ich in einer kleinen Broschüre las: Wir seien Kelche, durch die das göttliche Licht leuchtet. Ich denke, dass das eine Antwort zu unserer modernen Welt ist, in der man ständig besser, schöner, klüger sein soll. Vielleicht zählt gar nicht, wie voll der Kelch ist, sondern wie durchlässig. Wenn etwas durch uns hindurchscheinen darf - Güte, Geduld, Mitgefühl - dann geschieht schon genug. Paulus schrieb: „ Meine Kraft ist in der Schwachheit mächtig.“ Früher hielt ich das für einen dieser Sätze, die man halt in Kirchen hört. Aber irgendwann begreift man ihn. Wenn man fällt und sich wieder aufrappelt, wird man nicht mächtig, sondern echt. Vielleicht liegt genau darin die Kraft - in der Ehrlichkeit, nicht mehr stark sein zu müssen. Am Abend sitze ich manchmal am Küchentisch. Die Lampe flackert ein wenig, der Tee wird kalt, und draußen hört man die Straße. Ich schreibe dann kaum noch. Ich beobachte und lasse einfach zu, dass Gedanken kommen und gehen. Vielleicht ist das so eine Form von Gebet, die kein Wort braucht. Nur das stille Dasein, dieses unausgesprochene Danke, das irgendwo in einem wohnt. Das Herzstück aller christlichen Lebensweisheit ist für mich die Erkenntnis, dass das Göttliche nicht irgendwo weit oben schwebt, sondern in der ganz einfachen Geste steckt: ein freundlicher Blick, ein herzliches Lächeln, eine Umarmung, ein Getränk wie Tee oder Kaffee anbieten, das Durchhalten in schweren Stunden. Franz von Assisi soll einmal gesagt haben: „ Predige das Evangelium, und wenn nötig, benutze Worte.“ Das beschreibt genau das, was ich meine. Ich erinnere mich an eine Szene in der U-Bahn. Eine Frau reichte einem obdachlosen Mann ihr Brötchen. Keine großen Gesten. Einfach ein Tun. Ich habe in diesem Augenblick gespürt, was Gnade sein kann. Still, unscheinbar, aber echt. Wenn ich mich über die Welt ärgere, über ihre Ungerechtigkeit und ihre Lautstärke, denke ich manchmal an den Satz zurück: Gott wohnt schon da, wo wir ihn zulassen. Vielleicht muss man nichts neu machen. Vielleicht reicht es, den Blick zu ändern. Ich beobachte abends manchmal, was in mir geschieht, die Gedanken, den Atem. Beobachten als Gebet. Dann kommt mir das Bild eines Gartens in den Sinn. Ich glaube, Gott ist mehr Gärtner als Richter. Er wartet, bis das wächst, was in uns keimt, auch wenn es lange dauert. Mit der Zeit wird das Leben selbst zu einem Gebet. Ohne Formen, ohne Rezepte. Da wird selbst das Abwaschen oder das Aufräumen zu etwas Still-Heiligem. Vielleicht ist das gemeint, wenn gesagt wird: " Das Reich Gottes ist mitten unter euch". Nicht irgendwo in Zukunft, sondern hier - in der Art, wie man lebt. Wenn ich all diese Worte und Gedanken zusammennähme, entstünde kein Lehrbuch. Es wäre eher ein Flickenteppich - an manchen Stellen farbig, an anderen ausgeblichen, aber alles gehört zusammen. Man erkennt das Muster erst mit Abstand, und trotzdem bleibt es rätselhaft. Darum versuche ich manchmal einfach, langsamer zu werden. Ich schaue, ob Gott sich vielleicht in den Zwischenräumen zeigt - zwischen einem Atemzug und dem nächsten, zwischen Gesprächen, zwischen Arbeit und Stille. Am Ende sind all diese Weisheiten wohl weniger Regeln als Erinnerungen: dass im Menschen etwas bleibt, das nicht kaputtgeht. Vielleicht würden die Heiligen unserer Tage, wenn sie heute lebten, über unsere Eile schmunzeln. Sie würden wahrscheinlich nur sagen: Liebe aus vollem Herzen und öffne dich der Liebe anderer. Und das ist vielleicht die ganze Lehre, eine, die im Alltag funktioniert, wenn man sie nicht zu sehr zu erklären versucht. |