Redewendungen, die aus der Bibel stammen Es ist faszinierend: Menschen greifen zu Redewendungen, obwohl vielen ihr Ursprung gar nicht bewusst ist. Trotzdem wirken sie. Sie beschreiben Gefühle, Konflikte oder Situationen so plastisch, dass jeder sofort etwas damit anfangen kann. Gleichzeitig tragen sie etwas Tieferes in sich - Gedanken über Moral, Verantwortung und Werte wie Gerechtigkeit oder Mitgefühl. Manchmal reicht schon ein kurzer Spruch, und ein ganzer moralischer Hintergrund klingt mit. Nehmen wir ein paar Beispiele. Redewendungen wie „Das A und O sein“, „Hochmut kommt vor dem Fall“ oder „David gegen Goliath“ kennt wohl jeder - und sie klingen ganz selbstverständlich, fast so, als wären sie schon beständig Teil unserer Sprache gewesen. Andere Bilder, etwa „Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein“ oder „Seine Hände in Unschuld waschen“, tragen diese typisch biblische Bildkraft in sich: klar, anschaulich und lehrreich. Und man benutzt sie ganz locker mal bei einem Abendessen, beim Streitgespräch oder im Büro, wenn man schnell etwas auf den Punkt bringen will. Warum das so gut funktioniert? Redewendungen geben unserer Sprache Farbe. Statt endlos zu erklären, greift man zu einem festen Ausdruck - und alle verstehen sofort, worum es geht. In Gesprächen macht das den Ton leichter, man lacht miteinander, fühlt sich verstanden. Auch in der Arbeitswelt oder in den Medien setzt man gern solche Bilder ein, weil sie Texte lebendiger machen. Und wenn man ehrlich ist: Ein treffender Spruch wirkt manchmal sympathischer, als wenn man lange Argumente ausbreitet. Interessant ist auch der Blick über die Grenzen hinweg. In Sprachen mit einer langen christlichen Tradition - etwa Deutsch, Englisch oder Kroatisch - sind biblische Redewendungen fast überall zu finden. Sie gehen direkt auf Übersetzungen der Bibel zurück, und da spielt es natürlich eine Rolle, wann und wie früh diese Übersetzungen in den jeweiligen Sprachraum kamen. Wo die Bibel keine große kulturelle Gewichtigkeit hatte, zum Beispiel in Sprachen ohne christliche Tradition, sind solche Wendungen erstaunlich selten. Das christliche Webverzeichnis ChristWeb.de hat zum Ziel, die Vielfalt des Christentums zu präsentieren. Wer kennt das nicht: ein Familienabend, alle sitzen um den Tisch und „Mensch ärgere dich nicht“ steht auf dem Plan. Der Vater ist sich seines Sieges schon sicher - und dann, kurz vor Schluss, fliegt er doch noch raus. Gelächter bricht aus, irgendjemand ruft halb ernst, halb spöttisch: „Na, Hochmut kommt vor dem Fall!“ Ein anderes Bild: Ein kleiner Junge steht beim Fußball gegen einen viel größeren im Tor. Fast halb so klein, aber unbeirrbar. Und sofort tuscheln die Zuschauer: „Das ist ja wie David gegen Goliath.“ Manchmal genügen eben wenige Worte, um Ungleichheit oder eine scheinbar aussichtslose Situation treffend zu beschreiben. Dann gibt es diese Behördengänge, ein Erlebnis, das wohl jeder schon einmal durchgestanden hat. Man sitzt in stickigen Warteräumen, die Neonröhren summen leise, die Geduld schwindet - und von Schalter zu Schalter wird man geschickt. In solchen Momenten entfährt einem fast automatisch: „Von Pontius zu Pilatus.“ Und sofort nicken andere mit diesem verständnisvollen Grinsen, das sagt: Ja, genau so ist es. Und schließlich gibt es da noch den Satz, den man schnell mal halb ernst, halb entschuldigend fallen lässt: „Ich wasch mir die Hände in Unschuld.“ Er taucht nicht nur in politischen Reden auf, sondern auch in den ganz kleinen Momenten des Alltags - etwa wenn man unerwartet am Abwasch steht und beteuert, gar nicht zuständig gewesen zu sein. So begleiten uns täglich die Redewendungen, die aus der Bibel stammen, ob wir ihre Herkunft kennen oder nicht. Sie sind wie kleine Farbtupfer in unserer Sprache: Sie machen Erzählungen bildhafter, Gespräche wärmer und manchmal auch einfach ein Stück humorvoller. Diese Redewendungen des Alltags stammen aus der Bibel: 1. Mose (Genesis) - "Alt wie Methusalem" beschreibt eine sehr alte Person und leitet sich von Methusalem ab, der in der Bibel als der älteste Mensch gilt (Genesis 5,27). - "Feigenblatt / Listige Schlange" bezieht sich auf das Verbergen von etwas oder auf jemanden, der besonders schlau oder hinterhältig ist (Genesis 3). - "Im Adamskostüm" beschreibt den Zustand des Nacktseins (Genesis 2,25). - "Kainsmal" bezeichnet ein Zeichen der Schuld (Genesis 4,15). - "Nach mir die Sintflut" beschreibt eine Gleichgültigkeit gegenüber zukünftigen Entwicklungen (Anspielung auf die Sintflut in Genesis 6-9). - "Der Benjamin sein" bezeichnet den Jüngsten oder den Lieblingssohn in einer Familie, basierend auf Genesis 42,4. - "Die fetten Jahre sind vorbei" deutet darauf hin, dass die guten Zeiten vorbei sind (Genesis 41,1-36). - "Das gelobte Land" bezeichnet einen Ort, an dem alles besser ist, basierend auf 2. Mose 3,8. - "Sodom und Gomorra" bezeichnet einen Ort der Sündhaftigkeit (Genesis 19). - "Zur Salzsäule erstarren" bedeutet, vor Schreck wie gelähmt zu sein (Genesis 19,26). - "Tohuwabohu" deutet auf Durcheinander oder Chaos (Genesis 1,2). 2. Mose (Exodus) - "Auge um Auge, Zahn um Zahn" beschreibt das Prinzip, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, wie es in 2. Mose 21,24 steht. - "Tanz um das goldene Kalb" beschreibt Abgötterei und Verherrlichung von Reichtum (2. Mose 32). - "Das gelobte Land" bezeichnet einen Ort, an dem alles besser ist, basierend auf 2. Mose 3,8. 3. Mose (Levitikus) - "Nicht ganz koscher sein" weist auf etwas Verdächtiges hin (3. Mose 11). - "Die Leviten lesen" beschreibt, jemandem streng zurechtzuweisen (3. Mose 1-7, überliefert durch Luther). - "Ein Moloch" bezeichnet etwas, das Opfer verlangt (3. Mose 18,21). - "Zum Sündenbock machen" besagt, Jemand, dem die Schuld für etwas zugeschoben wird. (3. Mose 16). Josua - "Über den Jordan gehen" heiß sterben (Josua 3). 1. Samuel - "David gegen Goliath" beschreibt den Kampf eines Schwächeren gegen einen Stärkeren (1. Samuel 17). 1. Könige - "Ein salomonisches Urteil" ist ein weises und gerechtes Urteil (1. Könige 3,16-28). Hiob - "Eine Hiobsbotschaft erhalten" weißt darauf hin, eine schlimme Nachricht zu bekommen (Buch Hiob). Psalm - "Auf Händen tragen" heißt, jemanden besonders fürsorglich zu behandeln (Psalm 91,12). - "Jemanden unter seine Fittiche nehmen" deutet darauf, jemanden zu beschützen (Psalm 91,4). - "Auf Herz und Nieren prüfen" bezieht sich auf eine gründliche Untersuchung (Psalm 7,10; Jeremia 11,20). Sprüche - "Hochmut kommt vor dem Fall" erinnert daran, dass Überheblichkeit zu Misserfolg führt (Sprüche 16,18). - "Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein" besagt, dass jemand, der anderen schaden will, sich selbst schadet (Sprüche 26,27). Jesaja - "Das A und O" bedeutet Anfang und Ende, die Gesamtheit und das Wesentliche (Offenbarung 1,8 und Jesaja 44,6). - "Der Stein des Anstoßes" bezieht sich auf eine Ursache für Ärger oder Streit (Jesaja 8,14). Daniel - "Ein Koloss auf tönernen Füßen" weist auf etwas Bedeutendes hin, das auf unsicherem Fundament steht (Daniel 2,31-35). - "Ein Menetekel" ist Warnzeichen oder Mahnung (Daniel 5,25). - "Asche aufs Haupt / In Sack und Asche gehen" ist ein Ausdruck tiefer Reue oder Trauer, wie in Daniel 9,3 und Jona 3,6 beschrieben. Jona - "Asche aufs Haupt / In Sack und Asche gehen" beschreibt Buße oder Fehlereingeständnis (Daniel 9,3 und Jona 3,6). Matthäus - "Am jüngsten Tag / Beim Jüngsten Gericht" bezieht sich auf das Weltende, wenn Gott über alle Menschen urteilt, basierend auf Matthäus 25,31-46. - "Auf Sand gebaut haben" spricht von einer unsicheren Grundlage, die zu einem Misserfolg führt, basierend auf Matthäus 7,26. - "Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach" beschreibt den inneren Konflikt zwischen guten Vorsätzen und Schwierigkeiten bei deren Umsetzung (Matthäus 26,41). - "Der Prophet gilt nichts in seinem Vaterlande" spricht davon, dass jemand zuhause nicht anerkannt wird (Matthäus 13,57). - "Die ersten werden die Letzten sein" besagt, dass die Benachteiligten belohnt werden (Matthäus 19,30). - "Ein Pharisäer sein" beschreibt scheinheilige Selbstgerechtheit (Matthäus 23). - "Etwas fällt auf guten oder schlechten Boden" bezieht sich darauf, dass etwas angenommen oder abgelehnt wird (Matthäus 13,3-9). - "Hände in Unschuld waschen" heißt, sich von Schuld freizusprechen (Matthäus 27,24). - "Lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut" fordert dazu auf, Gutes zu tun, ohne damit zu prahlen (Matthäus 6,3). - "Mit seinen Pfunden wuchern / Talent" meint, seine Fähigkeiten zu nutzen (Matthäus 25,14-30). - "Nur ein Lippenbekenntnis ablegen" bedeutet, etwas zu sagen, ohne es zu meinen (Matthäus 15,8). - "Perlen vor die Säue werfen" beschreibt, etwas Wertvolles an die Falschen zu geben (Matthäus 7,6). - "Schnöder Mammon" meint, Geld oder Reichtum, der korrumpiert (Matthäus 6,24). - "Sein Licht nicht unter den Scheffel stellen" fordert auf, seine Fähigkeiten nicht zu verstecken (Matthäus 5,15). - "Um Himmels willen / Ach, du lieber Himmel" ist ein Ausruf der Überraschung (Matthäus 6,10). Markus - "Sein Scherflein beitragen" sagt aus, einen kleinen Beitrag zu leisten (Markus 12,42). - "Wer’s glaubt, wird selig" ist ein Ausdruck von Skepsis (Markus 16,16). Lukas - "Sich an die Brust schlagen" bedeutet, Reue zu zeigen (Lukas 18,13). - "Unter die Räuber fallen / Der barmherzige Samariter" sagt aus, überfallen werden oder jemandem helfen (Lukas 10,30-37). - "Von Pontius zu Pilatus" beschreibt, von einer Stelle zur anderen geschickt zu werden (Lukas 23). - "Blut und Wasser schwitzen" heißt, große Angst haben. (Lukas 22,44). Johannes - "Den ersten Stein werfen" bedeutet, als Erster Kritik zu üben oder Vorwürfe zu erheben (Johannes 8,7). - "Der 'ungläubige' Thomas" beschreibt jemanden, der ohne Beweis nichts glaubt (Johannes 20,25). - "Es geschehen noch Zeichen und Wunder" deutet darauf hin, dass es Überraschungen gibt (Johannes 4,48). Apostelgeschichte - "Ein Herz und eine Seele" beschreibt enge Verbundenheit (Apostelgeschichte 4,32). - "Geben ist seliger als nehmen“ bedeutet, es ist moralisch wertvoller, anderen zu geben, als selbst zu empfangen (Apostelgeschichte 20,35). - "Wie Schuppen von den Augen fallen" deutet darauf hin, plötzlich etwas zu verstehen (Apostelgeschichte 9,18). 2. Korinther - "Zu allem 'Ja' und 'Amen' sagen" meint, alles kritiklos zu akzeptieren (2. Korinther 1,20). 1. Petrus - "Mit dem Mantel der Nächstenliebe zudecken" bedeutet, jemandem zu verzeihen oder über Fehler hinwegzusehen (1. Petrus 4,8). Offenbarung - "Das A und O" meint das Wichtigste oder den Anfang und das Ende (Offenbarung 1,8 und Jesaja 44,6). - "Ein Buch mit sieben Siegeln" stellt dar, dass etwas unverständlich ist (Offenbarung 5,1). Diese Liste ist nicht vollständig, aber sie enthält die wichtigsten und bekanntesten Redewendungen mit biblischem Hintergrund. Die Bibel wurde beinahe in alle europäischen Sprachen übersetzt, und viele Formulierungen sind dadurch fast universell geworden. Selbst im Russischen oder Arabischen findet man biblische Redewendungen, wenn die Bibel dort Einfluss auf die Kultur hatte. In unserer deutschen Sprache sind sie besonders stark verwurzelt - Martin Luthers Übersetzung, klar und eingängig wie keine vor ihr, hat ganze Sprichwortschätze fest verankert. Vielleicht ist genau das der Grund, weshalb wir bis heute so selbstverständlich auf sie zurückgreifen. Manche klingen im Ohr schon wie kleine Geschichten - und vielleicht riecht man innerlich sogar noch den alten Papiergeruch dicker Bibeln oder hört die Stimme einer Großmutter, die solche Sätze ganz selbstverständlich benutzt hat. |