Zwischen Glaube und Religion Ich sitze manchmal abends am Fenster, sehe hinaus, und frage mich, woran ich eigentlich glaube. Ob das, was manche „Gott“ nennen, wirklich da ist, oder ob es etwas in mir ist, das nur so genannt werden will, weil kein besseres Wort passt. („Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten.“ Joh 4,24) Menschen, die christlich erzogen wurden kennen Taufen, Weihnachten, Kerzen, dieses leise schlechte Gewissen, wenn man Gott länger nicht gedacht hat. Die Kirche, die eigentliche Institution, verlor für einigen Christen inzwischen ihre Wärme. Nicht weil sie böse Erfahrungen machten, sondern weil sie irgendwann so klang, als würde jemand ein altes Lied spielen, das einmal tröstete, aber nun schal geworden war. („Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, aber ihr Herz ist fern von mir.“ Mk 7,6) Und doch lässt Jesus viele Menschen nicht los. Nicht die Figur, die als Symbol verwendet wird, nicht der mythisch überhöhte Jesus der Kathedralen, sondern dieser sonderbar freie Mensch aus Nazareth. („Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat, Armen frohe Botschaft zu bringen …“ Lk 4,18) Ein, der Grenzen sprengte, ohne Banner zu tragen. Der sich mit den Falschen an den Tisch setzte, der Fragen mit Geschichten beantwortete, der nicht nur glaubte, sondern ganz durchsichtig war für das Göttliche. („Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“ Lk 19,10; und die Tischgemeinschaften z.B. Lk 15,2) Auch ich merke, dass ich an ihn glaube, auf eine Art, die vielleicht unfromm klingt. Nicht als Erlöserfigur in dogmatischem Sinn, sondern als leuchtenden Ausdruck dessen, dass göttliche Liebe in Menschengestalt möglich ist. („Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, voller Gnade und Wahrheit.“ Joh 1,14) Viele sprechen heute davon, an Jesus zu glauben, ohne christlich zu sein. Das wirkt paradox, ist aber kaum erklärungsbedürftig, wenn man die Mühe aufbringt, Religion vom Glauben zu trennen. („Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut.“ Mt 7,21) Christlich zu sein bedeutet meist Zugehörigkeit - zu einer Kirche, einer Tradition, einer Sprache von Riten und Symbolen. Aber Glauben, dieser flüchtige, manchmal schmerzlich unvernünftige Funke, der lebt jenseits solcher Grenzen. („Der Geist weht, wo er will … so ist jeder, der aus dem Geist geboren ist.“ Joh 3,8) Ich kann an Jesus glauben, ihn als meinen Lehrer, meinen inneren Spiegel betrachten, und trotzdem in keiner Institution Heimat finden. („Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.“ Mt 11,28) Glaube ohne Dogma Manchmal denke ich, dass Dogmen geboren werden, wenn jemand Angst hat, dass das Unsagbare verloren geht. Dass er’s deshalb in Worte sperrt, wie in eine Schachtel. Aber man kann das Licht nicht einsperren. Man kann es nur weitergeben, indem man selbst leuchtet. („Ihr seid das Licht der Welt … Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter den Scheffel.“ Mt 5,14-15) „Undogmatisch gläubig“ zu sein fühlt sich an, als würde man einen Weg ohne Karte gehen. Man zweifelt, stolpert, manchmal fällt man. Aber genau da, im ungesicherten Schritt, spürt man Leben. („Ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Mk 9,24) Dogmatische Gewissheit hat etwas KonservierendTotes; Zweifel dagegen ist lebendig. („Denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen.“ 2 Kor 5,7) Öfters begegne ich Menschen, die sich spirituell nennen, aber jede Religion ablehnen. Manche sagen fast trotzig: „Ich glaube an etwas, aber nicht an Gott.“ Ich frage dann, was dieses Etwas ist. Meistens antworten sie zögernd, verlegen - als hätten sie etwas Unfertiges in Händen. Und das ist es auch: ein unfertiger Glaube. Aber vielleicht ist genau das Glaube - etwas Offenes, nicht Festgeschriebenes. („Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.“ Joh 20,29) Ein Freund, der viel meditiert, sagte mir einmal, dass ihn Jesus fasziniert, aber nicht als Gottessohn. Sondern als Mensch, der die göttliche Gegenwart radikal gelebt hat - in Zuwendung und Schwäche gleichermaßen. („Lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig.“ Mt 11,29) „Wenn es je einen Mensch gab, der ganz durchlässig war für Liebe, dann war’s wohl er“, meinte er. Ich nickte, weil ich etwas in mir davon verstand, auch wenn die Worte kaum reichten. („Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde.“ Joh 15,13) Der Putz blättert vom Altar, die Orgel spielt sich wund, ich sitze stumm am Fenster, wo die Welt ins Dunkel fällt. Kein Dogma fängt Dich ein, Jesus aus Nazareth - Dein Name schmeckt nach Freiheit auf dem durstigen Mund. (© S.A./ChristWeb.de) Zwischen Kirche und Wildnis Ich erinnere mich an einen Ostermorgen, still, feucht, mit Nebel über den Feldern. In der Kirche saßen zehn Leute, eine Orgel spielte schief, und die Predigt war müde. Danach trat ich hinaus - und draußen war das Licht, leise, grell, ungeschminkt. Ich dachte: Hier draußen, da ist mehr Auferstehung als drinnen. („Die Himmel erzählen die Ehre Gottes.“ Ps 19,2) Es geht mir nicht darum, die Kirche schlechtzureden. Sie hat Menschen über Jahrhunderte getragen, Trost gespendet, Kultur bewahrt. Aber sie wirkt manchmal so, als wäre sie von der Lebendigkeit dessen, den sie verkündet, längst überholt worden. („Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig.“ 2 Kor 3,6) Vielleicht wächst heute eine neue Art des Glaubens, die sich nicht mehr an Altären versammelt, sondern in Wohnzimmern, am Seeufer, im Schweigen zwischen Menschen. Hauskirchlich, freikirchlich, beziehungsnah Ich war einmal eingeladen zu einer Art Hausgottesdienst. Keine Kanzel, keine Liturgie, nur ein Wohnzimmer, zwölf Menschen, Brot, Gitarren, Stimmen, die nicht perfekt sangen. Einer erzählte, er sei früher Katholik gewesen, dann ausgetreten, aber jetzt hier wieder „zuhause“. Nicht in einer Organisation, sondern in einer Gemeinschaft des Vertrauens. („Sie blieben beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet.“ Apg 2,42) Man sprach frei über Zweifel, über Wut, über Stille, in der nichts zu hören war - und das war okay. Freikirchliche oder hauskirchliche Formen wirken manchmal improvisiert, fast anarchisch. Aber sie sind ehrlich. Sie entstehen, weil Menschen Nähe suchen, nicht Kontrolle. Da betet jemand schlicht aus dem Herzen, keine fertigen Formeln, und in dem Moment spürt man eine Gegenwart, die kein Dogma braucht. („Der Geist hilft unserer Schwachheit auf; denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich's gebührt.“ Röm 8,26) Vielleicht ist das, was Jesus meinte, als er sagte: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“ (Mt 18,20.) Aber natürlich bleibt auch hier die Gefahr, dass aus Freiheit wieder Regel wird. Menschen neigen dazu, aus Bewegung Ordnung zu machen. Ich habe in solchen Gruppen erlebt, wie aus Begeisterung kleine Exklusivität wuchs: Wer „richtig glaubt“, gehört dazu, wer nicht, bleibt draußen. Und so beginnt der alte Kreis - nur kleiner, aber nicht weniger eng. („Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.“ Mt 7,1) Spiritualität als innere Bewegung Das Wort „Spiritualität“ ist in den letzten Jahren beinahe abgenutzt. Jeder ist irgendwie spirituell, vom Banker mit Atemübungen bis zur EsoterikMesse im Industriegebiet. Aber im Kern bezeichnet es die Bewegtheit des Geistes, das innere Lauschen. In stillen Momenten, wenn wir uns nicht mehr als isolierte Wesen empfinden, sondern Teil eines größeren Stroms. („In ihm leben, weben und sind wir.“ Apg 17,28) Spirituell zu sein bedeutet nicht, an Energien zu glauben oder an Horoskope. Es bedeutet, dass man sensibel ist für das, was tiefer klingt. Dass man spürt, es gibt mehr als das Offensichtliche - und dass man lernen will, dieses „Mehr“ nicht zu benennen, sondern zu bewohnen. („Denn wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild …“ 1 Kor 13,12) Ich kenne Menschen, die beim Anzünden einer Kerze mehr Glauben empfinden als in einer ganzen Messe. Nicht, weil die Messe leer wäre, sondern weil die Intimität größer ist, wenn niemand zuschaut. („Wenn du betest, geh in dein Kämmerlein … und dein Vater, der ins Verborgene sieht, wird dir’s vergelten.“ Mt 6,6) „Spiritual, aber nicht religiös“ - das ist die Beschreibung einer ganzen Generation, vielleicht auch einer Epoche. Und sie bringt eine merkwürdige Freiheit mit, aber auch Einsamkeit. Denn wer keinem System angehört, muss seinen Glauben allein halten. („Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ Gal 6,2) Jesus, der Mensch Ich mag die Vorstellung, dass Jesus lachte, schwitzte, verzweifelte. Dass er nicht unnahbar war. Dass er Angst hatte, als alles auf ihn zukam. (seine Todesangst in Getsemani: „Meine Seele ist betrübt bis an den Tod.“ Mk 14,34) Dieser verletzliche Jesus spricht zu mich an. Denn wenn das Göttliche in Menschengestalt erscheinen kann, dann vielleicht auch in meiner Schwäche. („Wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mitleiden mit unserer Schwachheit.“ Hebr 4,15) Jesus-gläubig zu sein, ohne christlich zu sein - das heißt, ihm als Mensch Vertrauen zu schenken, ohne Institution. Ich lese seine Worte nicht als Befehle, sondern als Spiegelungen einer Bewusstheit, die nach wie vor revolutionär ist. („Ihr habt gehört, dass gesagt ist … ich aber sage euch …“ Mt 5,21ff) Er redete nicht von Glaubensmitgliedschaft, sondern davon, das Herz zu öffnen. Nicht von Höllenstrafen, sondern von Liebe, die über das Rechthaben hinausgeht. („Das wichtigste ist: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben … und deinen Nächsten wie dich selbst.“ Mk 12,30-31) Wenn man diesen Kern wiederfindet, merkt man, wie sehr Religion sich um das Zentrum herum verfestigt hat, statt es zu leben. Messianisch denken - nicht besitzen Das Messianische fasziniert mich. Es ist die Hoffnung, dass Transformation möglich ist - persönlich, gesellschaftlich, kosmisch. („Siehe, ich mache alles neu.“ Offb 21,5) Manche nennen Jesus den Messias, andere erwarten den Messias noch. Ich denke, vielleicht ist das messianische Prinzip weniger Person als Bewegung. Jedes Erwachen, jedes Erwärmen des Herzens, das anderen Heilung bringt, ist ein kleines messianisches Ereignis. („Das Reich Gottes ist mitten unter euch.“ Lk 17,21) Ein messianischer Jude sagte mir: „Für mich ist Jesus Jeschua, unser Bruder. Er hat erfüllt, was wir hofften, und doch lebt die Hoffnung weiter.“ Diese Verbindung des Alten und Neuen, des Bundes als Fortsetzung, nicht Bruch - das hat mich berührt. („Ich bin nicht gekommen, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen, sondern zu erfüllen.“ Mt 5,17) Das Messianische kann also bedeuten: das Unabgeschlossene anzunehmen. Nicht die Geschichte als abgeschlossenes Heilsgeschehen zu sehen, sondern als fortdauerndes Rufen. („Wir warten aber auf einen neuen Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt.“ 2 Petr 3,13) Interreligiös, synkretistisch und weitherzig Ich gehöre zu denen, die überall Funken finden. Im Zen, im Sufismus, in der Mystik Meister Eckharts. Manchmal denke ich, Wahrheit wandert, sie will nicht besessen werden. („Der Geist weht, wo er will.“ Joh 3,8) In einer Welt, die religiöse Grenzen abermals blutig verteidigt hat, ist die Verschmelzung verschiedener, öfters widersprüchlicher Glaubensrichtungen eine zarte Form der Rebellion. Es erlaubt, aus verschiedenen Quellen zu trinken, ohne Schuldgefühl. (und doch die biblische Warnung: „Prüft aber alles, das Gute behaltet.“ 1 Thess 5,21) Der kulturelle Glaube - und seine stille Macht Viele Europäer nennen sich „christlich-kulturell“. Sie glauben nicht aktiv, aber sie sind von der Sprache des Christentums geprägt. Man spürt es im Denken, im Umgang mit Schuld, in der Vorstellung von Gerechtigkeit. Selbst Atheisten werden christlich sozialisiert, ohne es zu merken. („Denn nicht alle sind Israel, die von Israel stammen.“ Röm 9,6) Wenn ein Mensch Nächstenliebe sagt, nutzt er ein Wort, das im Kern Christusgedanken trägt, ob er will oder nicht. Das mag paradox wirken, ist aber schlicht geschichtlich gewachsen. („Dies ist mein Gebot, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe.“ Joh 15,12) Ich habe einmal in einer Bar einen Mann getroffen, der sagte: „Ich bin Atheist, aber wenn jemand auf der Straße liegt, helfe ich, weil ich katholisch erzogen wurde.“ Er lachte, dann fügte er hinzu: „Die Prägung krieg ich wohl nie raus.“ Ich denke, er hat recht - man muss sie gar nicht herauskriegen. Man kann sie verwandeln. („Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Röm 12,21) Christlich-kulturell zu sein, heißt nicht glauben im kirchlichen Sinn, sondern beteiligt zu sein an einer Erzählung, die uns zutiefst beeinflusst hat. Und vielleicht kann man diese Erzählung neu lesen, ohne sie zu leugnen. („Prüft, was der Wille Gottes ist: das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.“ Röm 12,2) Agnostisch und doch bereit Agnostiker faszinieren mich. Sie trauen sich zu sagen: „Ich weiß es nicht.“ In einer Welt, die auf Meinung und Gewissheit baut, ist das fast eine spirituelle Tugend. („Denn wir erkennen stückweise.“ 1 Kor 13,9) Ich kenne eine Frau, die sich als „agnostisch, aber offen für Jesus“ bezeichnet. Sie sagt, sie könne nicht glauben, dass er von den Toten auferstanden sei, aber sie spüre, dass in seiner Lebenshaltung etwas Lebendiges weitergeht - und manchmal, wenn sie betet, fühle sie eine Wärme, die sie nicht erklären könne. („Naht euch zu Gott, so naht er sich zu euch.“ Jak 4,8) Vielleicht ist genau das Glaube: ein Zugeständnis an das Unerklärliche. Nicht das Wissen, sondern das Lauschen. („Der Glaube ist eine Zuversicht dessen, was man hofft, und ein NichtZweifeln an dem, was man nicht sieht.“ Hebr 11,1) In einer Welt, die Wissen mit Wahrheit verwechselt, wirkt Agnostizismus fast wie Demut. Eine Bereitschaft, sich nicht über das Geheimnis zu stellen, sondern davor stehen zu bleiben - ehrfürchtig, fragend, wach. („Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.“ Jak 4,6) Der freigeistige Glaube Freigeistig gläubig zu sein bedeutet, den Kopf nicht an der Kirchentür abzugeben, sondern Denken und Fühlen als Partner des Glaubens zu sehen. Es heißt, Widerspruch zu ertragen, ohne ihn sofort aufzulösen. („Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben … mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Verstand.“ Mt 22,37) Ich hatte Phasen, in denen ich dachte: Ich glaube gar nichts. Und dann saß ich vor einem Sonnenuntergang, und plötzlich war da dieses überwältigende Gefühl, dass alles einen Sinn hat, auch das Sinnlose. Und ich flüsterte, ohne Absicht: „Danke.“ Wem? Keine Ahnung. Aber da war es wieder - Glaube, unfreiwillig, plötzlich, echt. („Denn seine unsichtbare Wesenheit … wird seit der Schöpfung der Welt wahrgenommen an den Werken.“ Röm 1,20) Freigeistiger Glaube erlaubt solche Momente, ohne sie dogmatisch einzufangen. Er sagt: Ich weiß nicht, ob du da bist, Gott, aber ich rede trotzdem mit dir. Nicht, weil du’s hören musst, sondern weil ich’s sagen muss. (viele Klagepsalmen, z.B. „Zu dir, HERR, rufe ich; mein Fels, wende dich nicht schweigend von mir.“ Ps 28,1) Der Geruch des Glaubens Ich erinnere mich an den Geruch von Wachs in alten Kirchen, an staubige Bänke, an die Mischung aus Weihrauch und Holz. Ich denke manchmal, dass Glauben auch über die Sinne geht - über Tastbarkeit, Klang, Licht. („Schmeckt und seht, wie freundlich der HERR ist.“ Ps 34,9) Menschen brauchen Rituale, auch wenn sie an keine Religion gebunden sind. Ein stilles Anzünden einer Kerze, ein Spaziergang bei Vollmond, eine Hand auf der Schulter - all das sind Handlungen, in denen sich Spiritualität verdichtet. („Lasst uns aufeinander achthaben und einander anspornen zur Liebe und zu guten Werken.“ Hebr 10,24) Vielleicht ist das der natürliche Ausdruck des freien Glaubens: sinnlich, leise, unspektakulär. Zwischen Glaube und Kultur Ich bewege mich ständig zwischen diesen Polen. Der Jesus meiner Kindheit war ein Bild an einer fernen Kirchenwand. Der Jesus meines Erwachsenenlebens ist eine Stimme im Innern, die manchmal schweigt, manchmal klar spricht. („Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir.“ Joh 10,27) Es gibt Tage, da fühle ich mich tief verbunden, fast getragen. Und andere, da denke ich, es ist alles Einbildung. Ich ertrage dieses Schwanken besser als früher. Vielleicht, weil Glaube ohne Unsicherheit kein Glaube ist, sondern Ideologie. („Selig sind, die da hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit.“ Mt 5,6 - ein offener, suchender Zustand) Wenn ich sehe, wie Menschen sich „Spiritualität“ als Lifestyle aneignen, werde ich unruhig. Aber dann erinnere ich mich: selbst wenn sie’s naiv tun, suchen sie doch das Gleiche - eine Antwort auf das Unnennbare. Glaube ist selten rein. Er ist ein Gemisch aus Sehnsucht, Angst, Staunen. (viele Psalmen, z.B. Ps 42,2-3: „Wie der Hirsch lechzt nach Wasserbächen, so lechzt meine Seele nach dir, o Gott.“) Zwischen Religionen - der neue Kontinent Manchmal denke ich, wir leben auf einem neuen Kontinent, weltanschaulich gesehen. Alte Grenzen verschwimmen, Identitäten mischen sich. Menschen aus christlichem Hintergrund meditieren nach buddhistischen Methoden. Muslime singen TaizéLieder. Juden lesen das Thomasevangelium. Das mag manchen irritieren, aber vielleicht führt es zurück zur ursprünglichen Erfahrung: dass Gott größer ist als jede Tradition. („Wie unerforschlich sind seine Gerichte und unergründlich seine Wege!“ Röm 11,33) Interreligiös zu denken bedeutet nicht Beliebigkeit, sondern Weite. Es bedeutet, anzuerkennen, dass Wahrheit facettenreich ist, dass jede Religion ein Fenster öffnet - aber kein Haus ganz umfasst. („Jetzt sehen wir durch einen Spiegel in einem dunklen Bild, dann aber von Angesicht zu Angesicht.“ 1 Kor 13,12) Ich spüre heute mehr Gemeinsamkeit zwischen einem echten Mystiker - egal welcher Religion - als zwischen einem Dogmatiker und einem Freigeist derselben Konfession. Sehnsucht nach Ursprünglichkeit Das Heilige zieht sich zurück, wenn man es festhalten will. Darum suchen so viele heute jenseits institutioneller Religion nach Reinheit - etwas Ursprünglichem, Unverformtem. („Suchet den HERRN, solange er zu finden ist.“ Jes 55,6) Vielleicht erklären sich daraus Freikirchen, Hausbewegungen, meditative Glaubensformen. Sie wollen spüren, nicht rezitieren. Begegnung statt Verwaltung. („Denn das Reich Gottes besteht nicht im Wort, sondern in Kraft.“ 1 Kor 4,20) Ich war einmal in einer Hauskirche: alte Backsteinwand, Teelichter, ein Kreis von Leuten. Kein Predigtstuhl, keine Rangordnung. Ein Mann las ein Stück aus der Bergpredigt, jemand anderes erzählte, wie schwer ihm Vergebung fällt. Dann Stille. Keiner fügte eine Erklärung hinzu. Ich dachte: So muss Glaube schmecken - unpoliert, ehrlich, roh. („Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“ Mt 5,7) Die leisen Momente Es gibt diese unscheinbaren Augenblicke, in denen ich das Göttliche spüre. Wenn Schnee fällt, ohne Wind. Wenn jemand zuhört, ohne zu urteilen. Wenn eine Melodie aus dem Radio plötzlich wie Gebet klingt. („Seid still und erkennt, dass ich Gott bin.“ Ps 46,11) Dann frage ich mich, ob dies die eigentliche Form von Glaube ist - nicht Bekenntnis, sondern Resonanz. („Der Glaube kommt aus der Predigt, die Predigt aber durch das Wort Christi.“ Röm 10,17 - Hören, Resonanz) Vielleicht ist es das, was „jesusgläubig“ in Wahrheit meint: Empfänglich zu sein für diese Demut, die er lebte. („Er nahm Knechtsgestalt an … er erniedrigte sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tod.“ Phil 2,7-8) Über den Zweifel Manche halten Zweifel für Schwäche. Ich halte ihn für den Atem des Glaubens. Ohne Zweifel wird Glaube Stagnation. („Herr, ich glaube; hilf meinem Unglauben!“ Mk 9,24) Die Gewissheit mag es leichter machen. Sie wirkt bequem, aber sie kostet Tiefe. Ich glaube, Gott hält den Zweifel besser aus als wir. Vielleicht freut er sich sogar darüber. („Sucht, so werdet ihr finden; klopft an, so wird euch aufgetan.“ Mt 7,7) Ich habe einmal gelesen, dass der französische Theologe Maurice Blondel sagte: „Glaube ist der Akt, durch den die Wahrheit in uns glaubt.“ Vielleicht glaubt Gott durch uns, wenn wir ihn nicht loslassen, auch wenn wir ihn kaum fassen. („Denn Gott ist’s, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen.“ Phil 2,13) Der Glaube, der bleibt Wenn man alle Etiketten wegnimmt - christlich, muslimisch, spirituell, agnostisch -, bleibt eine Sehnsucht. Sie atmet durch jede Zeit, jedes Dogma, jeden Zweifel. Es ist die Sehnsucht, Sinn zu fühlen und Liebe zu geben. („Gott hat Ewigkeit in ihr Herz gelegt.“ Pred 3,11) Ich glaube an Jesus - nicht im Sinne eines Mitgliedsausweises, sondern als Verkörperung dieser Liebe. Das reicht mir. Er ist für mich mehr Lehrer als Herr, mehr Verbündeter als Erlöser. Auch Bruder - einer, der zeigt, wie göttlich das Menschliche sein kann. („Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete.“ Joh 15,14; „Denn wer den Willen meines Vaters im Himmel tut, der ist mir Bruder und Schwester und Mutter.“ Mt 12,50) Vielleicht bin ich „christlich-kulturell“, „freigeistig gläubig“, „agnostisch offen“, „jesusverbunden“ - vielleicht alles zugleich. Aber vielleicht braucht es diese Begriffe gar nicht. Denn Glaube, so wie ich ihn erlebe, ist keine Theorie, sondern Atem. Manchmal keuchend, manchmal fließend. („Der Geist Gottes hat mich gemacht, und der Odem des Allmächtigen belebt mich.“ Hiob 33,4) Und wenn ich abends wieder am Fenster sitze und der Himmel langsam abdunkelt, dann rede ich leise - nicht zu jemandem, eher in etwas hinein - und sage: „Ich weiß nicht, wer du bist. Aber ich danke, dass du mich suchst, auch wenn ich fliehe.“ („Du hast mich gesucht, als ich verirrt war, wie ein verlorenes Schaf.“ Ps 119,176; und Lk 15 vom verlorenen Schaf) Vielleicht ist das genug. Vielleicht ist das alles. Vielleicht ist das Glaube. („Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen.“ 1 Kor 13,13) |